Zuletzt aktualisiert am: 8. Juni 2026
In dieser Folge von Innovation Implemented sprechen Hauke Rickertsen aus dem Finanz- und Digitalisierungsministerium Mecklenburg-Vorpommern, Raik Writschan aus der Hansestadt Rostock und Marcus Warnke von mgm consulting partners auf der Noerd in Rostock darüber, was passiert, wenn Land und Kommunen echte gemeinsame Strukturen aufbauen: einen gemeinsamen Lenkungsausschuss, geteilte Programmverantwortung und eine konsolidierte Digitalisierungsstrategie, die nicht bei Komfortverbesserungen aufhört, sondern auf Effizienzgewinne und Automatisierung zielt.
Das Gespräch ist ehrlich, konkret und für alle relevant, die selbst an ähnlichen Strukturen arbeiten oder wissen wollen, was es wirklich braucht, damit Verwaltungsdigitalisierung nicht im Abstimmungsmarathon stecken bleibt.
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Im Interview: Hauke Rickertsen aus dem Finanz- und Digitalisierungsministerium Mecklenburg-Vorpommern, Raik Writschan aus der Hanse- und Universitätsstadt Rostock und Marcus Warnke von mgm consulting partners
Moderation: Karsten Kneese, Marketing Manager, mgm
Länge: 29 Minuten
Die wichtigsten Punkte im Überblick
Frage 1: Gemeinsame Programmstrukturen statt Einzelprojekte
Der entscheidende Impuls kam aus der Corona-Krise: Die Verwaltung musste ihre Handlungsfähigkeit sichern und die wachsenden Herausforderungen (Haushaltsdruck, Cyberangriffe, demografischer Wandel) lassen sich weder ressort- noch ebenenseitig alleine bewältigen. Programme bilden eine Klammer, die Abhängigkeiten sichtbar macht und gemeinsames Steuern ermöglicht. Das Kernproblem mit Einzelprojekten: Digitale Transformation ist keine Baumaßnahme. Sie erfordert kulturellen Wandel, und vereinzelte Projekte stoßen bei Großvorhaben zwangsläufig an Ressourcengrenzen. Ohne gemeinsame Zielausrichtung und abgestimmte Projekte entsteht der „Berliner Flughafen-Effekt”: viel parallel, wenig koordiniert, kein tragfähiges Ergebnis.
Frage 2: Lenkungsausschuss – Budget, Prioritäten, unterschiedliche Interessen
Die Struktur existiert seit fast 20 Jahren und ist paritätisch besetzt: je vier Vertreter aus Landkreisen, kreisfreien Städten und Ministerien, Spitzenverbände eingebunden, Einstimmigkeitsprinzip. Die Kultur ist grundsätzlich konsensorientiert. Das Budget war lange der Schwachpunkt: Es gab Windhundrennen, strategische Steuerung fehlte, manche konnten Mittel gar nicht abrufen. Die Antwort darauf ist eine gemeinsame Digitalisierungsstrategie, die gerade fertiggestellt wird. Sie soll verhindern, dass Projekte künftig einzeln politisch ausgehandelt werden müssen – wer nicht auf definierte Ziele einzahlt, wird gar nicht erst begonnen. Ergänzend wird Portfolio-Management aufgebaut, das Bedarfe bündelt und Finanzen zielgerichtet steuert. Ein Zeichen der neuen Richtung: Ein kleiner Innovationstopf für Experimente, bei denen Scheitern ausdrücklich erlaubt ist.
Frage 3: Kümmerer und Übersetzer – Befähigung der Menschen
Übersetzung zwischen Fachlichkeit, IT und Führungsebene ist eine der Hauptursachen für das Scheitern von IT-Projekten. Crossfunktionale Teams, die Technik und Fachlichkeit zusammenbringen, sind dafür die strukturelle Antwort. Rostock hat das früh erkannt und ab 2018/2019 gezielt ein Team von Projektmanager:innen, Prozessdigitalisierer:innen und Anforderungsmanager:innen aufgebaut – Menschen, die die Komplexität verstehen, in Fachbereiche hineingehen und Projekte begleiten können. Ohne dieses Team wäre die OZG-Umsetzung gescheitert, weil die Fachlichkeit selbst personell auf den analogen Betrieb minimiert war und keine Kapazität für Veränderung hatte. Auf Landesseite wird der EgoMV-Zweckverband gestärkt, um genau diese Kümmererfunktion in der Fläche zu übernehmen. Über Strukturen und Befähigung hinaus braucht es laut Marcus aber noch etwas: mutwillige Akteure, die bereit sind, in Graubereichen voranzugehen, ohne dass alles schon abgesichert ist. Und dafür braucht es Rückendeckung von der Führung und das Commitment, auch Fehler machen zu dürfen.
Frage 4: Von Komfortverbesserung zu echter Effizienz und Automatisierung
Die bisherige Digitalisierung hat Zugangswege verbessert, aber kaum Stellen oder Prozesskosten gespart – das wird offen ausgesprochen. Dokumente digitalisieren und zusammenschrauben reicht nicht. Der nächste Schritt ist prozessuale und datenseitige Automatisierung: Das Beispiel aus dem Gespräch ist die Ummeldung. Wer umzieht, meldet sich beim Einwohnermeldeamt um, aber das Fahrzeugregister weiß davon nichts. Diese sinnlose Medienbruch-Schleife müsste durch automatische Registerverknüpfung wegfallen. Zentralisierung von übergreifenden Prozessen (im Gespräch „Entörtlichung” genannt) soll dabei helfen, Verwaltungsmitarbeitende in der Fläche von Routineaufgaben zu entlasten. Die eigentliche Hürde ist aber keine technologische – sie ist organisatorisch: Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten müssen erst sauber definiert sein, bevor KI-Anwendungsfälle greifen können.
Frage 5: Was andere Länder und Kommunen mitnehmen sollten
Drei Faktoren werden genannt.
- Erstens: klares Führungscommitment von Anfang an – auf Staatssekretärs- und Oberbürgermeisterebene, mit der expliziten Erlaubnis, Fehler machen zu dürfen.
- Zweitens: ein Maß an Selbstlosigkeit bei allen Beteiligten – nicht die eigene Perspektive in den Vordergrund stellen, sondern auf die Metaebene gehen und erkennen, dass alle vom gemeinsamen Vorgehen profitieren.
- Und drittens, ergänzt von Marcus: den richtigen Wind nutzen. Die Pandemie, das OZG, jetzt Registermodernisierung, Cloud- und Plattformstrategien, digitale Souveränität – das sind Momente, in denen Überzeugungsarbeit leichter fällt und Strukturen entstehen können.
Wer diesen Schwung nutzt, um koordiniertes Handeln zu verankern, hat einen echten Vorteil.
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