Zuletzt aktualisiert am: 3. Juli 2026
In dieser Folge von Innovation Implemented nimmt der Moderator Karsten Kneese seinen Freund Stephan Beuting mit auf den Tech Riders Summit in Köln – einen Journalisten, Moderator und Storytelling Coach, der zum ersten Mal als normaler Teilnehmer auf einer Technik- und KI-Konferenz war. Das Gespräch dreht den üblichen Ansatz um: Statt eines weiteren Insiders bringt Stephan den Außenblick eines Kommunikationsprofis mit und fragt, welche Narrative der IT-Branche auf der Bühne wirklich tragen, warum die Wertediskussion fehlt und was es bedeutet, wenn eine Branche mit so viel Gestaltungsmacht das große Warum noch schuldig bleibt. Für Karsten ist es gleichzeitig ein Selbsttest: Wie sehr trübt die eigene IT-Bubble den Blick?
Das Gespräch ist persönlich, ehrlich und für alle relevant, die wissen wollen, wie ihre Branche von außen wirkt.
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Im Interview: Stephan Beuting, Journalist, Moderator und Storytelling Coach, öffentlich-rechtliche Sender
Moderation: Karsten Kneese, Marketing Manager, mgm
Länge: ca. 38 Minuten
Die wichtigsten Punkte im Überblick
Frage 1: Was war dein erster Eindruck vom Tech Riders Summit?
Freundlicher als erwartet, aber eine eigene Welt. Stephan beschreibt, wie er beim Einlass die Teilnehmenden beobachtet – und wie Karsten ihn prompt darauf hinweist, dass man durchaus erkennt, wer aus der Business-Ecke kommt und wer aus der Entwicklerecke. An den Expo-Ständen wird schnell klar: B2B-Plattformlösungen, Performance-Monitoring, Infrastruktur. Stephan ist eindeutig nicht die Zielgruppe. Was er trotzdem positiv wahrnimmt: Das meiste ist grundsätzlich verständlich – solange nicht gerade drei Abkürzungen hintereinander fallen. Die Szene, so sein Fazit, ist zugänglicher als ihr Ruf.
Frage 2: Welche Narrative hast du auf der Bühne wahrgenommen und wie bewertest du sie als Story-Profi?
Das dominierende Narrativ des Tages lässt sich so zusammenfassen: KI ist da, jetzt ist die Chance, Deutschland muss zum Makerland werden. Hashtag Makerland, bitte alle posten. Stephan beschreibt die Irritation, die das bei ihm auslöst und warum er sich die Mühe macht, sie genauer zu verstehen. Das Wachstumsversprechen erinnert ihn an zwei Phasen gleichzeitig: die späten Neunziger, als Wachstum noch unhinterfragt selbstverständlich war, und die frühen 2010er, als Hashtags noch als ernsthafter Hebel galten. Was er dabei strukturell vermisst, ist Simon Sineks Kernfrage: das Why. Schneller, besser – das hört er oft. Aber wofür eigentlich? Diese Frage stellt auf der Bühne kaum jemand.
Einen Kontrapunkt setzt der Bahn CIO, der für Stephan einer der stärksten Auftritte der Veranstaltung ist. Die Kernbotschaft: Wer 2000 Seiten Regeln schreibt, die niemand liest, hat kein Governance-Problem gelöst. Einfache Regeln dagegen funktionieren. Im konkreten Fall: Wer die bereitgestellte Softwareumgebung nutzt, bekommt Unterstützung. Wer eigene Wege geht, trägt die Verantwortung selbst. Stephan findet das stark, weil es zeigt, wie Mensch, Organisation und technologischer Wandel tatsächlich zusammengehen können.
Frage 3: War das eher Technik für Eingeweihte oder hat die Konferenz eine gesellschaftliche Dimension gehabt?
Beides, aber in unterschiedlicher Dosierung. Fachsprache und B2B-Kontext sind das Grundrauschen. Die gesellschaftliche Tiefe kommt später am Tag, und dann mit Substanz. Das prägnanteste Beispiel ist der Moment, als bekannt wird, dass das US-Handelsministerium Anthropics Fable-Modell für den Export gesperrt hat. Wer außerhalb der USA arbeitet, darf ein bis dahin frei verfügbares KI-Modell schlicht nicht mehr nutzen. Für Stephan macht dieser Fall greifbar, worum es bei digitaler Souveränität eigentlich geht: Wer entscheidet darüber, welche digitalen Werkzeuge wir einsetzen dürfen?
Frage 4: Hast du etwas Neues gelernt und haben sich Perspektiven verändert?
Zwei Momente bleiben besonders hängen. Der erste ist ein Gespräch an einem Expo-Stand, bei dem Stephan direkt fragt, ob das Angebot eigentlich etwas für ihn ist. Die ehrliche Antwort: nein, das läuft im Hintergrund und wird von anderen für dich gemacht – öffnet den Blick auf die Infrastrukturschichten, die hinter allem stecken und die die meisten Nutzerinnen und Nutzer nie zu Gesicht bekommen. Ich weiß, dass ich nichts weiß, bringt Stephan es auf den Punkt.
Der zweite Moment kommt im Vortrag von Max Schrems. Der Datenschutzaktivist und noyb-Gründer zeigt, wie Marktentwicklung im Silicon Valley strukturell funktioniert: Pferderennen, einer gewinnt, Monopol. Und er stellt dem das europäische Modell gegenüber – permanente Konkurrenz, dauerhafter Wettbewerb, kein Alles-oder-nichts. Für Stephan ist das ein echter Perspektivwechsel: Das europäische Modell erscheint ihm plötzlich weniger als strukturelle Schwäche gegenüber amerikanischer Kapitalkonzentration, sondern als genuine Alternative. Die verhängten Strafzahlungen gegen Datenschutzverstöße, die bis heute nicht beglichen sind, bleiben als Bild haften.
Frage 5: Wie war es, den Menschen zu begegnen, die an diesen Technologien arbeiten?
Überraschend normal. Stephan beschreibt, wie zugänglich und offen die Leute sind, mit denen er ins Gespräch kommt und dass er, der eindeutig nicht zur Zielgruppe gehört, nie das Gefühl hat, fehl am Platz zu sein. Was ihn stärker beschäftigt, ist eine Beobachtung, die er aus einem früheren Podcast mitbringt: In der Folge mit mgm-Firmengründer Hamarz Mehmanesh hört er jemanden, der über KI spricht und dem er dabei abnimmt, dass er echte Werte hat. Dass er auf dem Rad zur Arbeit fährt, Nachhaltigkeit nicht als Botschaft pflegt, sondern als Haltung lebt. Genau dieser Kontrast macht für Stephan den Kern des Abends aus. Nicht das Tempo entscheidet. Die Werte dahinter entscheiden.
Frage 6: Wie ist als Vater, Journalist und politisch wacher Mensch deine Sicht auf die technologische Zukunft?
Was Stephan mitnimmt, lässt sich in einem Spannungsverhältnis beschreiben: auf der einen Seite eine technische Entwicklung, die schneller vorangeht als je zuvor; auf der anderen Seite Demokratie und Staatlichkeit, die strukturell langsam sind und sich nicht beliebig beschleunigen lassen. Dieses Dilemma ist ihm durch die Konferenz klarer geworden. Als ein ernstes Problem, das mehr Aufmerksamkeit verdient als es bekommt.
Den schönsten Moment des Tages erlebt er gegen Ende der Veranstaltung: Vertreter von Mozilla, SUSE und Nextcloud stehen auf der Bühne und zeigen konkrete Schritte zu einer offenen KI-Infrastruktur – einer, die Europa unabhängiger von amerikanischen und chinesischen Anbietern machen könnte. Stephan beschreibt, wie er sich dabei im Saal umsieht und wenig Begeisterung sieht. Ihn selbst hätte es gepackt, wäre eine Unterstützerliste herumgegangen. Das ist der Moment, der bleibt.
Erwähnte Personen und Organisationen
- Max Schrems – Datenschutzaktivist und Gründer von noyb (None of Your Business)
- WDR 5 Zeitzeichen – das Format, für das Stephan arbeitet
- Tech Riders Summit – die Konferenz in Köln
Weitere Links
- Podcast mit Hamarz Mehmanesh – der Episode, die Stephan als Storyteller so beeindruckt hat
- Digital Independence Day
- mgm consulting partners
- A12 AI Low Code Plattform





