„Das eine Projekt namens Digitalisierung gibt es nicht“

Vom 6. bis 8. September findet mit der solutions.hamburg Deutschlands größter Digitalisierungskongress in der Elbmetropole statt. Mit dem Thementrack „Driving Digital Transformation“ gestaltet mgm eines der Kernthemen der Veranstaltung. Aus diesem Anlass hat die mgm-Redaktion mit Frank Kneschke, Gründer und Gesellschafter-Geschäftsführer der mgm consulting partners, über seine Sicht auf den digitalen Wandel gesprochen.

Redaktion: Frank, innerhalb Eures Thementracks auf der solutions.hamburg lasst Ihr Kunden aus unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen zu Wort kommen. Hast Du innerhalb Deiner Beratungspraxis festgestellt, dass manche Branchen von der Digitalisierung besonders betroffen sind?

Frank Kneschke: Wenn ich mir unsere Kunden anschaue, ist die Digitalisierung überall ein Thema. Die eigentliche Frage ist, wie weit man in der Beschäftigung mit dieser Herausforderung schon fortgeschritten ist und wie man mit ihr umgeht. Da gibt es durchaus branchenspezifische Unterschiede und auch innerhalb einzelner Branchen verschiedene Herangehensweisen. Einer unserer Kunden aus der Energieerzeugung stellt sich diesem Thema beispielsweise sehr aggressiv: Er geht in einem strategischen Szenario davon aus, dass die konventionelle Energieerzeugung im Jahr 2030 keine Rolle mehr spielen könnte, und sucht bereits jetzt nach neuen Geschäftsmodellen, um sich diesem Wandel zu stellen. Im Verlagswesen sind diese tiefgreifenden Wandlungsprozesse dagegen schon in vollem Gange. Einige Verlage haben eigene digitale Bereiche geschaffen, in denen überhaupt nichts Physisches mehr produziert wird. Man könnte also durchaus behaupten, dass sich diese Unternehmen bereits komplett digitalisiert haben. Aber das heißt nicht, dass sie jetzt Ruhe haben und sich nicht weiter verändern müssen. Ganz im Gegenteil: Google und Facebook ändern in diesem Fall so oft die Rahmenbedingungen, dass man viel schneller reagieren muss. Ich glaube, dass durch die Digitalisierung ein sehr starker Innovations- und Veränderungsdruck auf den Unternehmen lastet – und auch weiterhin lasten wird. Dieser Druck wird nicht mehr verschwinden.

Redaktion: Du hast gerade berichtet, dass manche Firmen sehr langfristige Szenarien entwerfen. Auf der anderen Seite existiert aber auch der von Dir angesprochene Veränderungsdruck, der tagtäglich seine Richtung ändern kann. Macht es angesichts dessen überhaupt noch Sinn, langfristigere Prognosen und Pläne zu entwickeln?

Innovationsprojekte waren in vielen Firmen lange Zeit nur nice-to-have.

Frank Kneschke: Langfristige strategische Szenarien zu entwerfen, macht in jedem Fall Sinn. Wichtig ist dabei allerdings, dass man sich zugleich des Veränderungsdrucks bewusst ist und immer im Hinterkopf hat, dass sich die Voraussetzungen des entworfenen Szenarios jederzeit ändern können. Um auf derartige Veränderungen reagieren zu können, muss die Fähigkeit zur kontinuierlichen Innovation Teil der Unternehmens-DNA werden. Dies stellt allerdings viele Firmen vor Probleme, da der Veränderungsdruck in bestimmten Branchen in den letzten Jahren unterschiedlich stark ausgeprägt war – je nachdem, wie stark sich das Geschäftsmodell oder der Vertriebskanal selbst verändert haben. Dadurch sind Innovationsprojekte in einigen Branchen bereits Normalität, während sie in anderen Branchen erst langsam Einzug halten und die in solchen Geschäftsfeldern tätigen Firmen es somit überhaupt nicht gewohnt sind, echte Innovationsprozesse in Gang zu setzen. Da wurden zwar ab und an mal ein paar sogenannte Innovationsprojekte gestartet, um ein bisschen über den Tellerrand zu schauen, aber im Grunde war das alles nur nice-to-have und nicht wirklich kriegsentscheidend. Das hat sich nun grundlegend verändert. Disruption gab es zwar schon immer, aber dieser Technologiesprung, den die Digitalisierung ausgelöst hat, und die fundamentale Bedrohung vieler traditioneller Geschäftsmodelle – das ist wirklich neu.

Redaktion: Hast Du denn das Gefühl, dass in den Unternehmen nun wirklich Offenheit herrscht, diese Herausforderung anzunehmen, oder sind die Firmen eher noch Getriebene?

Frank Kneschke: Gerade bei etablierten Konzernen kann man häufig feststellen, dass sie sich auf Konstanz, Regelmäßigkeit und Prozesskonformität eingespielt haben. Das ist an sich eigentlich auch nichts Schlechtes. Es wird erst dann schlecht, wenn man sich schneller weiterentwickeln muss, als es bisher notwendig war. Dadurch, dass der Veränderungsdruck nun transparent wird, wird das den Vorstandsetagen immer bewusster. Obwohl diese Unternehmen sehr gute Führungskräfte haben, hat die lange Phase der Stabilität in vielen Fällen aber dazu geführt, dass man sich im alten Geschäft und in den Businesstraditionen versteift hat. Daher glaube ich nicht, dass in diesen Firmen die gesamte Power und Innovationskraft, die in der Mitarbeiterschaft und insbesondere den jungen Kollegen stecken, bereits wirklich genutzt wird.

Redaktion: Wie kann man an diesem Punkt gegensteuern?

Frank Kneschke: Silpion, der Veranstalter der solutions.hamburg, hat hierfür ein passendes Motto geprägt: „Digitalisierung wird von Menschen gemacht.“ In unserer Beratungspraxis stellen wir immer wieder fest, dass ein mitarbeiterorientiertes Change Management von immenser Bedeutung ist. Schließlich müssen sich die Mitarbeiter auch in Unternehmen, die glauben, bereits komplett digitalisiert zu sein, tagtäglich den Kopf darüber zerbrechen, wie man besser werden kann. Denn die Gefahr, dass jemand das Geschäftsmodell der Firma durch neue technische Möglichkeiten auf den Kopf stellt und ihr eventuell sogar die Geschäftsgrundlage entzieht, ist immer da. Daher ist es so wichtig, die Menschen in der Firma mitzunehmen, denn das nötige Wissen ist im Unternehmen meist schon längst vorhanden. Es hat nur nicht die Kanäle, um auch gehört zu werden.

Redaktion: Die digitale Transformation ist also auch eine kulturelle Herausforderung?

Frank Kneschke: Ja, ich glaube, dass Innovation eine kulturelle Herausforderung ist. Die Digitalisierung ist ja nur eine Form der Innovation oder der großen technologischen Veränderungen, die wir gerade spüren. Da sie aber von vielen Firmen als so bedrohlich empfunden wird, ist sie auch eine echte kulturelle Herausforderung für die Unternehmen. Daher stellen wir insbesondere bei traditioneller geprägten Firmen eine stark zunehmende Nachfrage nach Beratung im Bereich Agile fest: Viele Unternehmen wollen nicht nur wissen, wie man Projekte agiler gestalten kann, sondern auch wie die komplette Organisation agiler werden kann. Eines unserer Ziele in solchen Projekten ist es, den intrinsischen Kanal von unten, der in zahlreichen Firmen verschlossen ist, wieder zu öffnen. Damit tun sich allerdings viele Unternehmen sehr schwer. Einige Firmen wählen daher den Weg, neue digitale Geschäftsmodelle nah an sich dran, aber doch außerhalb des Konzerns auszugründen. Anschließend erhalten die neu entstandenen Bereiche das Recht auf Cherrypicking – d.h. sie dürfen alles aus dem Mutterkonzern mitnehmen, das sie für ihre Mission gebrauchen können. Ansonsten dürfen sie sich aber auch am Markt frei und unkompliziert bedienen – und haben so beste Möglichkeiten, sich eigenständig und vor allem schnell zu entwickeln. Diese Herangehensweise finde ich ebenfalls sehr charmant.

Redaktion: Du hast bereits einige Strategien im Umgang mit der Digitalisierung vorgestellt. Welche Rolle hat die IT in diesem Umfeld?

Die IT befindet sich in einem Change: Sie wird plötzlich als Wertsteigerer wahrgenommen und soll dabei helfen, neue digitale Geschäftsmodelle zu generieren.

Frank Kneschke: Es wäre einfach zu sagen: Die IT hat natürlich schon immer etwas mit Digitalisierung zu tun gehabt. In der Vergangenheit ging es aber vor allem darum, die Kernprozesse innerhalb des Unternehmens zu optimieren und mit IT zu unterstützen. Das war lange die Hauptaufgabe, aber nun kommt ein Change hinein. Jetzt wird die IT plötzlich als Wertsteigerer wahrgenommen und soll dabei helfen, neue digitale Geschäftsmodelle zu generieren, die Umsatz erwirtschaften. Die IT-Organisation muss sich daher vielen neuen Fragen stellen: Was kann man selbst besser als andere? Wie kann ich mit den vorhandenen Daten im Rahmen von Data Driven Innovation neue Geschäftsmodelle entwickeln? Wie kann ich Business Prozesse nicht nur unterstützen, sondern automatisieren? Was soll wirklich noch selbst gemacht werden oder kann man nicht vieles davon schon einkaufen? Was sind im Grunde die Nuancen, die die IT selbst entwickeln oder weiterentwickeln muss, um den Unterschied zur Commodity zu machen?

Redaktion: Die Unternehmen laden damit eine große Verantwortung auf ihren IT-Abteilungen ab. Kann das die Bereiche nicht überfordern?

Frank Kneschke: Das ist in der Tat ein Problem. Kann es die IT wirklich leisten, sich von heute auf morgen neue Skills anzueignen? Zudem ist es ja gerade erst ein paar Jahre her, dass der Artikel „IT doesn’t matter“ von Nicholas G. Carr erschienen ist, der in der deutschen Konzernlandschaft den Umgang mit der hauseigenen IT sehr geprägt hat. Viele Unternehmen sahen die IT anschließend nur noch als Commodity, haben viele Bereiche outgesourct und damit die eigene Handlungsfähigkeit in der IT-Organisation drastisch reduziert. Unter diesem Blickwinkel hast Du Recht: Eine IT, die jahrelang nur unter dem Gesichtspunkt der Kosteneffizienz betrachtet wurde und stark von Outsourcing belastet ist, kann es überfordern, – neben dem Standardgeschäft, das es ja auch noch gibt – plötzlich innovativ sein und neue Lösungen entwickeln zu müssen. Zudem gibt es in vielen Firmen weiterhin ein gewisses Misstrauen des Business und der Vorstände gegen die IT, sodass die Beschäftigung mit der Digitalisierung oftmals als Teil des Business und nicht der IT gesehen wird.

Redaktion: Wie kann man diese Misere wieder auflösen?

Frank Kneschke: Viele Unternehmen lösen das Problem, indem sie neben der klassischen Unternehmens-IT eine neue Digital-IT aufbauen, ganz im Sinne einer „IT of two speeds“: Die Unternehmens-IT kümmert sich um die traditionellen Aufgaben, während die Digital-IT die strategischen Belange unterstützt. Die Digital-IT ist dabei oft komplett losgelöst – mit anderen Playern, mit anderen Kompetenzen, mit anderen Entscheidungswegen und auch mit deutlich mehr Geld ausgestattet. Diese Konstellation kann allerdings auch wieder zu Schwierigkeiten führen, weil man der klassischen IT-Abteilung noch nicht viel zutraut und die Neuen hofiert werden. Irgendwie sind diese Herangehensweisen noch sehr unausgegoren – und das ist kein Wunder. Wir haben schließlich eine ganz neue Situation. Die Frage „Was ist die IT-Organisation der Zukunft?“ ist daher sehr spannend.

Redaktion: Zum Abschluss eine retrospektive Frage: Gab es Beispiele, die Du selbst erlebt oder von denen Du gehört hast, von denen Du dachtest: „Die haben die Digitalisierung gut bewältigt.“?

Frank Kneschke: Es gibt viele Erfolgsgeschichten. Allerdings tue ich mich schwer mit dem Gedanken, dass irgendjemand die Digitalisierung „abgehakt“ haben könnte. Denn ich glaube nicht, dass es ein Projekt namens Digitalisierung gibt, in dem man einen Kunden von Status A in den Status B der endgültig digitalen Company überführen kann, sondern dass es ein stetiges Lernen, Nachbessern und Angleichen ist und grundsätzlich Innovationsfähigkeit im Unternehmen verankert werden muss. Es hört nicht mehr auf. Zudem ist „Digitalisierung“ einfach ein sehr großes Wort – ein sehr großes Wort für Angst, für Zukunft, für Automatisierung, für Kulturwandel im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Und all diese Aspekte sind so wichtig, dass man sich mit jedem einzelnen beschäftigen muss.

Wir freuen uns auf konstruktive Gespräche mit den Besuchern der solutions.hamburg. Wollen auch Sie dabei sein? Dann finden Sie hier weitere Informationen zur Veranstaltung und zum mgm-Thementrack sowie unser exklusives Ticketangebot.

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