Code ist billig, Software nicht. – Kommentar von Jan Jikeli

Zuletzt aktualisiert am: 30. Januar 2026

Chris Gregoris Artikel vom 10. Januar hat einen Nerv getroffen. Sein Punkt: Programmieren wird immer mehr zur Massenware. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen ein paar funktionierenden Codezeilen und einer stabilen Unternehmenslösung. Während die Tech-Szene „Vibe Coding“ feiert, betreiben Unternehmen geschäftskritische Systeme: ERP, Kernbankensysteme, Versicherungslogik oder Produktionssteuerung, um nur einige zu nennen. Diese Systeme müssen über Jahre hinweg zuverlässig laufen – nicht nur ein paar Wochen. Jahre.

Software ist nicht „fertig“, nur weil sie funktioniert. Sie gilt erst dann als abgeschlossen, wenn sie zuverlässig und sicher läuft, verstanden wird und kontinuierlich weiterentwickelt werden kann.

Die Illusion eines Produktivitätssprungs

KI kann in wenigen Minuten erzeugen, wofür früher Wochen nötig waren – das vermittelt den Eindruck eines Produktivitätssprungs. Beeindruckend. Aber im Geschäftsleben irrelevant. Denn echte Kosten entstehen nicht dadurch, dass man „zu langsam tippt“.

Echte Kosten entstehen, wenn Software:

  • auf unerwartete Randfälle stößt (die gibt es immer).
  • unter Last skalieren muss.
  • Compliance- und Sicherheitsanforderungen erfüllen muss.
  • in komplexe Release-Prozesse eingebunden werden muss.
  • mit Altsystemen interagiert.
  • über Jahre von wechselnden Teams gewartet wird.
  • ausfällt – und dadurch Geld, Vertrauen und Geschäft kostet.

Das ist der Unterschied zwischen Code und Software.

Die echten Kosten: „Der Rest“

Unternehmenssoftware befindet sich in einem ständigen Wandel. Geschäftsprozesse ändern sich, Gesetze ändern sich, das Kundenverhalten verschiebt sich, Partner-APIs fallen aus, Datenmengen explodieren, Sicherheitslücken tauchen auf und Teams wechseln.

Aus „Was gestern funktionierte“ wird schnell: „Warum geht es nur in Region X, montags, bei bestimmten Kunden kaputt?“ Das klingt nicht dramatisch – es ist der Alltag.

Code ist günstig. Software hingegen bleibt teuer. Die Kosten entstehen durch Randfälle, Wartung, UX-Debt, Datenmanagement und externe Abhängigkeiten. Im Geschäftsleben ist dieses „Restliche“ nicht nebensächlich – es ist der Hauptteil.

Agentic Coding: Chance und tickende Zeitbombe

Die nächste Stufe: KI-Systeme, die nicht nur Vorschläge machen, sondern auch eigenständig handeln – Dateien erstellen, Tests schreiben, Refactorings durchführen und Pull Requests vorbereiten.

Das ist großartig für Routineaufgaben. Ohne Leitplanken kann es jedoch gefährlich werden.

Agentic Coding erzeugt schnell Veränderungen – und jede Menge davon. In einem Unternehmensumfeld sind Änderungen an sich weder gut noch schlecht; sie werden riskant, wenn sie unkontrolliert passieren.

Beispiele:

  • Ein Update einer Abhängigkeit verändert das Laufzeitverhalten.
  • Änderungen an einer Datenstruktur führen dazu, dass Reports fehlschlagen.
  • Ein scheinbar harmloses Feature kann die Performance zum Einsturz bringen.
  • Ein sauberes Refactoring → fehlendes Logging → ein Incident, der Stunden dauert.
  • Eine neue Bibliothek ohne Sicherheitsfreigabe → Deployment stoppt.

Die Frage lautet nicht: „Wie schnell können wir Code erzeugen?“
Sondern: „Wie zuverlässig können wir Verantwortung für Software übernehmen?“

Software Engineering stirbt nicht – es entwickelt sich weiter

Wert entsteht heute nicht mehr daraus, wer am schnellsten tippen kann. Er entsteht durch:

  • Architektur, die Wachstum unterstützt.
  • Systemverständnis über Teams und Bereiche hinweg
  • Entscheidungen, die heute teuer erscheinen, langfristig aber sparen.
  • Operative Verantwortung
  • Kontrollierte Änderungen statt kreativen Chaos
  • Qualität, die unter Druck standhält.

KI nimmt uns nicht die Arbeit ab – sie nimmt uns die Ausführung ab. Der Engpass verschiebt sich vom Tippen zum Denken.

Was Unternehmen brauchen: Enterprise-Erfahrung

Schnellerer Code bedeutet nicht weniger Engineering. Er bedeutet besseres Engineering. Die Frage lautet nicht: „Wie setzen wir dieses Feature um?“
Sondern: „Wie stellen wir sicher, dass wir es auch in 12 Monaten noch verstehen und in drei Jahren sicher betreiben können?“

Das erfordert Menschen, die schon erlebt haben, wie Deployments scheitern, Systeme unter Last zusammenbrechen, falsche Daten geschrieben werden, Schnittstellen versagen und Incidents um 2 Uhr morgens eskalieren. Enterprise-Erfahrung ist kein Bremsklotz – sie macht Geschwindigkeit überhaupt erst möglich.

Fazit: Die neue Währung heißt Kontrolle

Code wird günstiger. Fantastisch! Aber Unternehmen werden nicht an Zeilen Code gemessen. Sie werden daran gemessen, ob ihre Systeme verfügbar, sicher und wartbar sind – und ob sie Wachstum ermöglichen, statt es zu behindern.

Drei Wahrheiten:

  1. KI macht Code billig. Gutes Engineering bleibt unverzichtbar.
  2. Software Engineering stirbt nicht – es entwickelt sich weiter.
  3. Agentic Coding ohne Enterprise-Erfahrung ist ein Risiko, keine Chance.

Wer das versteht, nutzt KI nicht, um schneller zu programmieren, sondern um stabilere, sicherere und nachhaltigere Systeme zu bauen.
Nicht mehr Code – bessere Software.

Diskutieren Sie mit Jan Jikeli — Sie finden ihn auf LinkedIn oder schreiben Sie dem AI-Team eine E-Mail, um das Gespräch fortzusetzen.

Jan Jikeli
Dr. Jan Jikeli bringt langjährige Erfahrung in der Umsetzung und Weiterentwicklung von KI-Lösungen in unterschiedlichsten Branchen mit. Als Physiker mit tiefem Verständnis für datenbasierte Entscheidungsprozesse leitet er als Head of AI bei mgm technology partners ein Team, das innovative KI-Lösungen entwickelt – mit dem Ziel, nachhaltige Effizienzgewinne und messbare Wettbewerbsvorteile für Unternehmen zu schaffen.