Taming the Blackbox: Wie Agentic Coding Qualität und Stabilität in die autonome Migration eines Frontends bringt

Zuletzt aktualisiert am: 6. August 2026

Technische Schulden können im Tagesgeschäft vieler Produktteams oft nicht angegangen werden, bis sie kritische Größe und damit die Aufmerksamkeit von Fachverantwortlichen erreichen. Gleichzeitig ist genau das dann zu adressierende Ausmaß an Änderungen einer der Hauptgründe für weitere Untätigkeit. Dass uns heute Mittel zur Verfügung stehen, solche Herausforderungen schneller und leichtgewichtiger zu bewältigen, hat mgm technology partners auf der K5 Future Retail Conference 2026 gezeigt: mit einem Pilotprojekt, das ein Frontend-Replacement per Agentic Coding intern erprobt hat. Ein Entwickler hat in nicht mehr als 10 Personentagen eine funktionelle Migration zwischen zwei inkompatiblen frameworks umgesetzt.

In einer Masterclass präsentierte Paul Böhme, Project Manager und Agile Coach bei mgm technology partners, gemeinsam mit Philipp Hofmann, Senior Solutions Engineer bei commercetools, deshalb keinen Konzeptvortrag, sondern einen Projektbericht mit konkreten Zahlen.

Vom Replatforming zur strategischen Weichenstellung: Frontend-Migration für ein commercetools-System

Seit 2023 begleitet mgm einen europäischen Fashion-Kunden. Nach dem Replatforming auf die Composable-Commerce-Plattform commercetools verantwortete mgm auch die laufende Weiterentwicklung. Die initiale Entscheidung für SvelteKit als Frontend-Technologie führte immer wieder zu Herausforderungen und weist auf eine mögliche strategische Weichenstellung hin: eine Migration auf den etablierten E-Commerce-Standard React/Next.js. Dadurch würde man sich technisch nachhaltiger aufstellen, was die Wartbarkeit und den Talentpool betrifft.

Ausgangslage des Projekts: SvelteKit als leistungsstarkes, aber im E-Commerce-Kontext nicht passendes Framework und React/Next.js als strategisches Ziel.

Die eigentliche Frage war jedoch nicht die der Zieltechnologie, sondern wie ein solcher Wechsel wirtschaftlich vertretbar umzusetzen ist. mgm nutzte das Vorhaben als internes Lighthouse-Projekt, um einen agentischen Entwicklungsansatz zu erproben. Der Kunde stellte dafür den Zugang zur Codebase zur Verfügung. Eine vollständige Migration war zum Zeitpunkt dieses Proof of Concepts noch nicht beauftragt.

Frontend-Migration von SvelteKit auf Next.js: kein Umzug, sondern ein Neubau nach Bauplan

Was der Einfachheit halber als „Migration“ bezeichnet wird, ist im engsten, technischen Sinne ein Neubau. SvelteKit und React/Next.js unterscheiden sich in Bereichen wie Zustandsverwaltung, Routing und Reaktivität grundlegend, weshalb eine 1:1-Übersetzung von Code nicht möglich ist.

Der agentische Ansatz löst dieses Problem zweistufig: Zunächst erfassen spezialisierte KI-Agenten das Verhalten, die Struktur und das Erscheinungsbild jeder Komponente technologieneutral. Ein weiterer Agent konzipiert dann die Umsetzung in der Zieltechnologie. Die in einem spezifischen Zwischenformat erfassten Spezifikationen werden dann in React/Next.js neu implementiert. Das Ergebnis ist eine funktionale Migration, inklusive ‚look and feel‘. Der Code ist im Zielframework jedoch neu geschrieben.

Agentic Coding Pipeline: vier spezialisierte KI-Agenten ersetzen klassische Entwicklerkapazität

In ihrer Masterclass ordnen Paul Böhme und Philipp Hofmann Agentic Coding zunächst konzeptionell ein. Sie beschreiben vier Stufen der KI-gestützten Entwicklung: von einfachem Prompting über Co-Piloting und Vibe Coding bis hin zu vollständigem Agentic Coding.

Vier Stufen KI-gestützter Entwicklung: von manuellem Prompting bis zu vollständigem Agentic Coding mit spezialisierten Agenten im definierten Workflow

Der Unterschied zwischen den einzelnen Stufen liegt nicht allein im Autonomiegrad: In der agentischen Pipeline schmilzt die Black Box des Vibe Codings zu koordinierten Arbeitseinheiten mit gesicherter Qualität. Was zählt, ist die Transparenz der Arbeitsschritte und -ergebnisse, die Sicherung von Qualität und die Wiederholbarkeit des gesamten Prozesses bei gleichbleibender Autonomie. Der Entwickler übernimmt dabei eine steuernde Rolle als Architekt, Pipeline-Designer und letztes Quality Gateway, jedoch nicht als Umsetzer.

Das Kernstück des Agentic Coding-Ansatzes ist eine mehrstufige Pipeline mit vier spezialisierten KI-Agenten, die sich der Modell-Palette von Anthropic Claude bedienen.

Die Agentic Coding Pipeline im Überblick: Analyst, Planner, Implementer und Validator arbeiten sequenziell, wobei der Glue Code manuell erstellt wird.
  1. Der Analyst liest den Svelte-Quellcode und extrahiert das Verhalten, die Struktur und die Erscheinung in einem technologieneutralen Zwischenformat.
  2. Der Planner überführt dieses Format in einen konkreten Implementierungsplan für React/Next.js, inklusive Entscheidungen über Hooks, Architekturmuster und benötigte Infrastruktur. Hier kommt Claude Opus, das reasoning-stärkste Modell der Familie, zum Einsatz.
  3. Der Implementer schreibt den fertigen React/TypeScript-Code nach diesem Plan, strikt plangetrieben. Eingesetzt wird Claude Sonnet.
  4. Der Validator prüft den generierten Code auf Korrektheit, Barrierefreiheit und Vollständigkeit. Bei Abweichungen gibt er strukturiertes Feedback zurück, maximal in zwei Durchläufen. Für diese Prüfaufgabe reicht Claude Haiku.

Die aufgabenspezifische Modellwahl ist dabei alles andere als ein Detail am Rande: In Anthropics Claude Modell-Familie ist Haiku rund 80 Prozent günstiger als Opus. Über ein Projekt summiert sich das zu einem echten Kostenhebel.

„Agentic Coding ist kein Tool und kein Prompt”, betont Paul Böhme. „Es ist ein durchdachter Workflow mit spezialisierten Agenten, klaren Qualitätsstufen und menschlicher Kontrolle an jedem kritischen Punkt.“

Vermeintlich manuell bleibt nur der sogenannte Glue Code, also jene Bestandteile, die verschiedene Systemteile miteinander verbinden. Dazu gehören Routing, App-Shell, Header, Footer, Navigation und CMS-Anbindung. Diese Bestandteile fallen einmalig an und erfordern eine direktere 1:1-Koordination mit einem separaten Migration-Agent anstelle der annähernd voll-autonomen Pipeline.

Proof of Concept Agentic Coding: Frontend-Replacement mit einem Entwickler in einem Monat

Der Pilot wurde als internes Forschungs- und Entwicklungsprojekt losgelöst vom laufenden Kundenprojekt auf Basis der zur Verfügung gestellten Codebase durchgeführt und zum Abschluss gebracht. Das Ergebnis ist eine funktionale Shop-Instanz, im PoC-Rahmen voll Demo-tauglich.

Der Ressourceneinsatz umfasste einen Teilzeitentwickler und einen Projektmanager mit geringem Zeitanteil. Klassischerweise wären für die Implementierung und das Review mindestens zwei Entwickler nötig gewesen, denn wer selbst schreibt, kann nicht objektiv reviewen. Der agentische Ansatz löst dieses Problem, da der Entwickler als Architekt und Reviewer agiert und nicht als Umsetzer. Ein weiterer großer Kapazitätsfaktor: Der agentische Zugriff auf die Codebase erlaubt ein „autonomes“ Onboarding. Den Ist-Stand des Shops erschließt sich die Pipeline bei Intialisierung, das fachliche Onboarding reduziert sich auf ein Mindestmaß.

Die Pipeline-Outputs wurden stetig gegen drei „manuell“ migrierte Referenzkomponenten validiert. Dabei zeigte sich eine strukturelle und visuelle Übereinstimmung der überführten Komponenten von 100 Prozent.

Ein spannender Blick zurück ins traditionelle Projektgeschäft: der Architekt des Replatformings hat das vollständige Migrationsprojekt mit klassischem, manuellem Vorgehen auf 200 bis 250 Personentage geschätzt. Der PoC hat gezeigt, dass sich dieser Aufwand durch agentisches Vorgehen auf rund 20 Prozent reduzieren lässt.

Agentic Engineering verändert die Ressourcenlogik: von Entwicklungskapazität zu Architekturkompetenz

Der PoC belegt die Machbarkeit der agentischen Softwareentwicklung für diesen Anwendungsfall. Die übergeordnete Aussage des Projekts ist struktureller Natur: Mit agentischem Vorgehen lassen sich Framework-Abhängigkeiten und technische Schulden kalkulierbar angehen.

Ein spannender Blick zurück ins traditionelle Projektgeschäft: der Architekt des Replatformings hat das vollständige Migrationsprojekt mit klassischem, manuellem Vorgehen auf 200 bis 250 Personentage geschätzt. Der PoC hat gezeigt, dass sich dieser Aufwand durch agentisches Vorgehen auf rund 20 Prozent reduzieren lässt.

Was sich dabei verändert, ist die Ressourcenlogik. Der begrenzende Faktor ist nicht mehr die Entwicklungskapazität, sondern die Architekturkompetenz.

Die Rollenverschiebung im Agentic Engineering: Der Entwickler wechselt von der ausführenden in eine entwerfende und steuernde Rolle als letztes Quality Gateway, nicht als Umsetzer.

„Der Engpass verschiebt sich“, sagt Paul Böhme. „Nicht mehr: Wir haben nicht genug Entwickler. Sondern: Wir brauchen Architekten oder besser: Migration Leads. Und damit Menschen, die Systeme und Workflows entwerfen und Projekte steuern. ‚Nur‘ coden genügt nicht mehr.“

Für E-Commerce-Organisationen bedeutet das konkret, dass Plattformentscheidungen weniger stark von kurzfristigen Migrationskosten beeinflusst werden sollten.

„Technische Schulden sind kein Schicksal mehr“, so Böhme. „Framework-Migration, Komponenten-Rebuild, Legacy-Modernisierung – mit agentischem Vorgehen wird all das kalkulierbar. Das Konzept ist bewiesen.“

Weiterführende Informationen: