Smart Mobility: Warten auf das Airbnb der Mobilität

Im Juli veröffentlichten Per-Alexander Zimmermann und Thies Rathmann, Berater bei mgm consulting partners, die Studie „Smart Mobility: Analyse von Mobilitätsplattformen“, in der sie das derzeitige Angebot von elf Plattformanbietern genauer unter die Lupe nahmen. Im Gespräch mit der mgm-Redaktion berichten sie nun, mit welchen Herausforderungen Mobilitätsplattformen in Deutschland zu kämpfen haben, und beantworten die Frage, warum sich bisher noch kein Anbieter zum unangefochtenen Platzhirschen entwickelt hat.

Per-Alexander Zimmermann (li.) und Thies Rathmann
Per-Alexander Zimmermann (li.) und Thies Rathmann

mgm-Redaktion: Per, Thies, vor einigen Wochen habt Ihr Eure Studie zum Thema Smart Mobility veröffentlicht. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Euch mit diesem Thema zu beschäftigen?

Per-Alexander Zimmermann: Die Idee zu unserer Studie ist im Rahmen eines Projekts entstanden. Wir haben am Jahresanfang ein Start-up, das im Bereich Smart Mobility tätig ist, methodisch und inhaltlich bei der Geschäftsentwicklung unterstützt und sind dabei an den Punkt gekommen, an dem wir einen Überblick über die Angebotslandschaft benötigt haben. Damals war uns relativ schnell klar, dass wir diesen Snapshot detaillierter ausgestalten und vor allem aktualisieren möchten. Aus diesem Impuls heraus ist nach Abschluss des Projekts schließlich die vorliegende Studie entstanden.

mgm-Redaktion: Wen seht Ihr als Zielgruppe Eurer Studie? Für wen sind die gesammelten Erkenntnisse interessant?

Thies Rathmann: Die potenzielle Leserschaft ist sehr breit. Letztlich ist die Studie für jeden interessant, der sich mit Mobilität beschäftigt. Das können Stadtplaner, Unternehmen, App-Anbieter oder auch Transportmittelhersteller wie zum Beispiel Automobilbauer sein. Theoretisch ist sie sogar für einen Endkunden nützlich, der sich für eine Plattform entscheiden möchte und nach Informationen darüber sucht, welche Apps es gibt und was sie können.

Per-Alexander Zimmermann: Die Entwicklungen im Bereich der Mobilität haben das Potenzial, derzeitige Geschäftsmodelle nicht nur stark zu beeinflussen, sondern auch komplett zu verändern. Das lässt sich beispielsweise an den Herstellern der Transportmittel erkennen. Diese laufen Gefahr, künftig nicht mehr – zum Beispiel in Form von Autos – der Anbieter von Mobilität zu sein, sondern tatsächlich in zweiter Reihe zu stehen und Anbietern von Mobilität nur noch zuzuliefern – auch weil das tatsächliche Besitzen eines Autos zumindest für die jüngere Generation immer mehr an Attraktivität verliert. Eine ähnliche Entwicklung haben wir bereits bei den Carriern in der Telekommunikation gesehen, die mittlerweile nur noch Leitungen zur Verfügung stellen und damit in Gefahr sind, den Endkundenkontakt an die Anbieter der Hardware zum Telefonieren zu verlieren. Daher versuchen Automobilhersteller wie BMW, VW und Mercedes mit eigenen Mobilitätsangeboten im Bereich Carsharing die Kundenbeziehung auch weiterhin sicherzustellen. Diese Unternehmen werden also auf die Veränderungen in der Mobilität und Smart Mobility reagieren müssen.

mgm-Redaktion: Damit hast Du eine Erkenntnis, die Ihr aus Eurer Studie gezogen habt, bereits benannt. Gibt es darüber hinaus noch weitere Erkenntnisse?

Aktuell existiert noch eine Landschaft vieler verschiedener Plattformen.

Per-Alexander Zimmermann: Ich glaube, dass es im Moment noch nicht die eine den Markt beherrschende Mobilitätsplattform gibt, die alles abdeckt. In den nächsten Jahren werden sich allerdings einige große Schlüsselplattformen herauskristallisieren, die mit sehr viel Kapital ausgestattet sind und auch ausgestattet sein müssen, weil in diesem Sektor am Anfang ein sehr hoher Kapitalbedarf vorherrscht. Aktuell existiert allerdings noch eine Landschaft vieler verschiedener Plattformen, die wir innerhalb der Studie dargestellt haben.

Thies Rathmann: Letztendlich ist es ein Flickenteppich. Das erkennt man bereits daran, dass sich die Verbreitungsgebiete weitestgehend auf die großen Städte beschränken und eine bundesweite Abdeckung, die von einigen Anbietern angeboten wird, meist nur über Carsharing erreicht wird, aber nicht über den ÖPNV oder den Regionalverkehr. In einer Stadt von A nach B zu kommen ist heutzutage tatsächlich nicht mehr das große Problem. Da kann sich der Plattformanbieter auf den lokalen öffentlichen Nahverkehr, vielleicht ein bis zwei Anbieter von Carsharing und eventuell noch einen Fahrradanbieter konzentrieren. In dem Moment, in dem diese Stadt verlassen wird, wird es kompliziert. Die regionale Zersplitterung des ÖPNV ist mit Sicherheit eine der großen Herausforderungen für die Mobilitätsplattformen.

mgm-Redaktion: Ist diese Zersplitterung in verschiedenste Mobilitätsanbieter aus Eurer Sicht der zentrale Grund, warum es bislang keine dominierende Plattform gibt? Oder gibt es darüber hinaus noch andere Gründe?

Thies Rathmann: Die Zersplitterung ist ein Grund. Eine große Herausforderung sehe ich auch im Bereich der Echtzeitdaten. Vieles im Verkehrswesen kann sich ja innerhalb von Minuten ändern, wenn zum Beispiel eine Störung auf den Bahngleisen vorliegt. Zudem sind die verschiedenen Transportmittel bislang noch nicht miteinander vernetzt.

Per-Alexander Zimmermann: Man darf auch nicht vergessen, dass die Mobilitätsplattformen auf die Mitarbeit der Mobilitätsanbieter angewiesen sind. Doch auch diese Anbieter sind Unternehmen mit eigenen wirtschaftlichen Interessen, die den direkten Kundenkontakt nicht verlieren wollen. Warum sollten sie also ihre Daten teilen? Diese Frage ist das zentrale Problem eines Plattformanbieters. Natürlich würde die Plattform ihrem Kunden gerne versprechen, dass er seine Reise von der Haustür bis zum Ziel komplett über sie buchen kann. Da sagt aber vielleicht der eine oder andere Mobilitätsanbieter: „Nein, das will ich nicht. Ich will maximal, dass du den Kunden auf meine Seite leitest. Aber die Buchung wird bei mir durchgeführt und nicht bei dir.“

mgm-Redaktion: Ist es unter diesen Voraussetzungen überhaupt realistisch, dass es irgendwann mal eine oder zwei dominierende Plattformen geben wird, die auch alle relevanten Echtzeitdaten liefern können?

Thies Rathmann: Ich glaube schon, dass diese Erwartung realistisch ist. Es kommt zum Beispiel darauf an, ob Google in dem Bereich etwas größer einsteigen will. Google hätte das Kapital, um sich durchzusetzen. Ich glaube aber auch, dass wir als Endkunden ein ganz eigenes Bild davon haben, was wir uns von einem Plattformanbieter versprechen. Wir denken, dass er alles anbieten und alles abbilden muss. Letztendlich wird sich aber im Laufe der Zeit zeigen, welche Strategien sich als erfolgreich erweisen. Es kann durchaus sein, dass die Nischenbesetzung extrem erfolgreich ist und viele kleine Anbieter in begrenzten Bereichen sehr gute Angebote schaffen, aber nicht den Anspruch haben, alles anzubieten.

Per-Alexander Zimmermann: Ich persönlich denke, dass wir irgendwann mal ein Airbnb oder ein booking.com der Mobilität sehen werden. Hierfür ist zum einen die finanzielle Power im Hintergrund entscheidend, aber auch das Angebot muss einfach gut sein. Es geht darum, welchen Nutzen der Anbieter einer Plattform dem Kunden bietet. Solange diese Kundenzentriertheit im Fokus ist, werden sich über kurz oder lang auch Platzhirsche herauskristallisieren.

mgm-Redaktion: Was muss ein solcher Platzhirsch aus Eurer Sicht bieten?

Der Fokus auf die Kundenbedürfnisse ist von zentraler Bedeutung. Der Kunde möchte auf dem bestmöglichen Weg von A nach B kommen und unterwegs über Veränderungen informiert werden.

Per-Alexander Zimmermann: Wir können hier und jetzt noch nicht mit Bestimmtheit sagen, was diese Plattform können muss. Wie ich bereits sagte, ist der Fokus auf die Kundenbedürfnisse von zentraler Bedeutung. Der Kunde möchte auf dem bestmöglichen Weg von A nach B kommen und unterwegs über Veränderungen informiert werden. Er will sozusagen gemanagt werden, wenn sich eine Veränderung abzeichnet – ganz egal, ob ein Unfall einen Stau verursacht, eine Signalstörung den Zugbetrieb behindert oder der Lokführer nicht rechtzeitig gekommen ist. Diese Ursachen interessieren den Kunden auch – das ist schon mal nicht schlecht. Aber die Hauptfrage lautet: Was muss ich nun tun? Die Plattformen müssen derartige Probleme frühzeitig erkennen und geeignete Alternativen vorschlagen. Erst dann kann der Kunde sich zurücklehnen und die Augen schließen, weil alles reibungslos läuft und er im Fall der Fälle einen Weckimpuls seiner App erhält, die ihm sagt: „Du musst eine Station vorher aussteigen, weil die Gleise im darauffolgenden Abschnitt gesperrt sind. Aber alternativ bringt Dich der Bus XY, der vor dem Bahnhofsgebäude abfährt, ans Ziel.“

Thies Rathmann: Eine der Kernvoraussetzungen für ein derartiges Kundenerlebnis ist allerdings die Stärkung der Internetinfrastruktur in Deutschland. Wir haben in unserer Studie viele Anbieter ausgemacht, die in den urbanen Gebieten stark sind und sich mit dem dortigen Verkehrsangebot sehr gut auskennen. Die Erwartung der lückenlosen Abdeckung in ganz Deutschland, den wir als Kunden an die Plattformen stellen, können sie aber ohne einen flächendeckenden Ausbau des Mobilfunknetzes gar nicht erfüllen. Jeder, der schon mal versucht hat, in einem Zug zu arbeiten, der kein ICE ist, wird die damit verbundenen Probleme kennen. Da reicht es manchmal schon, 25 Kilometer aus einer Großstadt wie Hamburg hinauszufahren. Die Internetinfrastruktur Deutschlands hinkt im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Für das Gelingen der Smart Mobility ist sie aber mitentscheidend. Wenn Deutschland in diesem Bereich besser wird, werden auch die Mobilitätsplattformen weitere Sprünge nach vorne machen können.

Die Studie „Smart Mobility: Analyse von Mobilitätsplattformen“ steht hier zum Download bereit.

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