Wenige Tage vor Weihnachten ließ eine Meldung des „Hamburger Abendblatts“ aufhorchen: Der ebenfalls in der Hansestadt ansässige Einzelhändler Tchibo habe sich dazu entschlossen, ab Januar 2018 einen Leihservice für Babykleidung anzubieten, berichtete die Zeitung. „Vermieten statt verkaufen“ lautet das Geschäftsmodell, in dem sich der Kaffeeröster mit diesem Pilotprojekt versuchen wird. Allerdings ist Tchibo mit einem solchen Vorhaben keineswegs allein: Auch andere etablierte Handelsmarken wie OTTO, MediaMarkt und Conrad Electronic experimentieren bereits mit Verleihmodellen. Hat Miet-Commerce das Potenzial, ein neuer Trend für den Onlinehandel zu werden?

Mietmodelle sind im Handel keine brandneue Entwicklung. Bereits seit Jahren sind Leihservices in bestimmten Produktsegmenten fest im Markt etabliert. Die zur Vermietung angebotenen Waren teilten dabei bislang vor allem zwei Eigenschaften: Zum einen sind sie eher hochpreisig und zum anderen werden sie vom Verbraucher eher selten benötigt. Klassische Verleihartikel sind daher beispielsweise Baumaschinen für den Privatgebrauch oder Braut- und Abendkleider. Folglich bieten Baumärkte und Brautmodengeschäfte schon seit längerer Zeit an, diese Produkte bei ihnen auszuleihen. Wie im Falle Tchibos oder OTTOs tritt somit auch hier ein Einzelhändler als Vermieter auf.

Ähnliche Mietservices sind in den vergangenen Jahren auch im E-Commerce entstanden. Dabei wurden zunächst die erwähnten Produktsegmente besetzt, in denen der Kunde bereits an entsprechende Dienstleistungen gewöhnt ist. Baumaschinen oder Eventbedarf lassen sich schon seit Jahren über Mietplattformen wie Miet24 oder Erento anmieten. 2013 wurde mit Lemaria zudem ein inzwischen vom britischen Konkurrenten Chic by Choice übernommenes Start-up gegründet, über das Kundinnen Kleider berühmter Designer wie Valentino oder Diane von Fürstenberg ausleihen können.

Miet-Commerce besitzt in verschiedensten Produktsegmenten Potential

Gleichzeitig gelingt es weiteren Anbietern, auch in anderen Produktgruppen mit Miet-Commerce erfolgreich zu sein. So hat sich Tchibo laut dem „Hamburger Abendblatt“ für seine ersten Gehversuche in diesem Geschäft mit dem Magdeburger Unternehmen Relenda einen Partner gesucht, der sich mit seinem Portal kilenda bereits seit 2013 im Verleihmarkt für Babykleidung bewegt. Noch zwei Jahre länger ist der Spielzeugverleiher MeineSpielzeugkiste am Markt, bei dem Eltern gegen eine monatliche Gebühr Spielzeugpakete mit bis zu drei Spielzeugen für ihre Kinder mieten können.

Doch sind Babyartikel angesichts der erläuterten Erfahrungen mit Verleihmodellen nicht zu niedrigpreisig für den Miet-Commerce? Dass sich ein Strampler oder ein Body im Normalfall nicht in der Preissphäre eines Designerkleids oder einer Baumaschine befindet, ist mit Sicherheit korrekt. Allerdings ist die Nutzungsdauer der im Vergleich zur Erwachsenenmode recht teuren Babykleidung gerade in den ersten Lebensmonaten des Kindes äußerst gering, sodass eine hohe Fluktuation entsteht. Da die Bekleidung somit meist kaum abgenutzt ist und sich bei Babymode aus zweiter Hand für Familien große Einsparpotenziale ergeben, erscheint das Produktsegment für Miet-Commerce durchaus geeignet.

Hohe Fluktuationen sind auch im Techniksegment festzustellen. Schließlich versuchen die Hersteller, ihre Kunden in immer kürzeren Zeitintervallen durch technische Neuerungen und Innovationen zum Kauf eines neuen Gadgets wie einem Smartphone oder Tablet zu animieren. Jederzeit über die neueste Generation der favorisierten Gerätereihe verfügen zu wollen, kann angesichts der hohen Preise allerdings schnell zu einem teuren Unterfangen werden. Auch in diesem Szenario macht Miet-Commerce somit Sinn: Der Kunde kann kurzfristig und flexibel zwischen verschiedenen Geräten wechseln und hält die hierfür nötige finanzielle Belastung vergleichsweise gering, weil er nicht den Kaufpreis für ein einzelnes, über die Zeit veraltendes Gerät begleichen muss, sondern monatliche Leihgebühren in immer wieder neue Gadgets investiert. Angesichts dieses Mehrwerts den der Miet-Commerce technikaffinen Kunden bietet, verwundert es nicht, dass mit OTTO, MediaMarkt und Conrad Electronics nun drei Branchengrößen versuchen, in diesem Bereich Fuß zu fassen.

Etablierte Handelskonzerne arbeiten mit Start-ups zusammen

Dabei arbeiten MediaMarkt und Conrad Electronics ebenso wie Tchibo mit einem Start-up zusammen, das den Miet-Commerce-Markt kennt: Bereits seit 2015 verleiht Grover ausgewählte Technikartikel über das Internet. Die Gefahr, dass seine Partner mit ihren ersten Schritten im Miet-Commerce ihr Kerngeschäft – den Verkauf der Elektronikartikel – gefährden könnten, weil sich Kunden ihre Produkte fortan lieber ausleihen, statt sie besitzen zu wollen, sieht Grover-Geschäftsführer Michael Cassau nicht. Vielmehr seien Produktkäufer und -mieter unterschiedliche Kundengruppen: „Über Miet-Modelle erreichen Händler neue Kunden, die sich das Produkt sonst nicht anschaffen würden. Das sehen wir an der Kooperation mit MediaMarkt, wo wir das Mietangebot im Online-Shop und ersten stationären Märkten operativ abwickeln. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass Mietangebote die klassischen Produktkäufe nicht kannibalisieren. Es gibt Menschen, die Produkte besitzen wollen. Und Verbraucher, denen Flexibilität wichtig ist“, erläuterte Cassau im September im Gespräch mit dem E-Commerce-Blog „neuhandeln.de“.

Zufrieden zeigte sich auch OTTO, das seinen vor einem Jahr in Eigenregie gelaunchten Verleihservice OTTO Now in einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung als Erfolg anpries. Zwar legte der Handelskonzern keine Umsatzzahlen offen, doch dass das Unternehmen die Produktanzahl innerhalb des ersten Jahres von 80 auf 140 erhöhte und mit der sechsmonatigen Mietdauer eine weitere Auswahlmöglichkeit hinsichtlich der Mietkonditionen für seine Kunden installierte, kann wohl als Indiz dafür gelten, dass sich die Erwartungen an das Miet-Commerce-Projekt tatsächlich erfüllen. Angesichts dieser positiven Entwicklungen ist davon auszugehen, dass die oft beschriebene Sharing Economy auch im klassischen E-Commerce einige Nischen besetzen können wird. Welche weiteren Produktgruppen sich dafür eignen, bleibt allerdings abzuwarten.

Bildquelle: Fotolia – highwaystarz

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