Die Industrieversicherungen werden häufig noch immer als die Champions League der Versicherungsbranche angesehen. Deutsche und europäische Versicherungs- und Maklerunternehmen in diesem Bereich hinken aber beim Thema Digitalisierung den Möglichkeiten weit hinterher und arbeiten noch viel zu sehr manuell. Die Privatversicherungsbranche ist hier wesentlich weiter. Bestimmte Branchen, Sparten und Produkte sind auch im Industrieversicherungsbereich sehr gut dazu geeignet, die Digitalisierung voranzutreiben und so mehr Effizienz in die Prozesse zu bringen.

Kurz & knapp

  • Privatversicherer sind weiter als Industrieversicherungen.
  • Standard: Komplexität als Hinderungsgrund der Digitalisierung.
  • Player müssen Berührungsängste abbauen und Silos verlassen.

Stand jetzt gibt es für die Industrieversicherungsbranche keine standardisierten Prozesse, die Voraussetzung für die digitale Vernetzung der Player untereinander wären. Die Aufnahme der Risikodaten sowie deren Verteilung an mehrere Industrieversicherer, eventuell sogar per Ausschreibung, geschieht noch immer analog und dauert – zur Unzufriedenheit der Kunden – viel zu lang. Es ist dem Kunden und dem Makler auch kaum vermittelbar, warum andere Branchen digitalisiert sind und der Ausschreibungsprozess bei der Industrieversicherung noch immer manuell bearbeitet wird. 

Zum Teil ist dieses Zurückliegen gegenüber der Privatversicherungsbranche auf die speziellen Risiken im Bereich der Industrieversicherungen zurückzuführen. Je größer das Risiko und je größer das Versicherungsvolumen, desto individueller muss die Risikoprüfung sein. Zum anderen gibt es in der Branche das eingefahrene Denken, dass so etwas Komplexes wie Industrieversicherungen gar nicht zu digitalisieren sei. Auf Produkte und Sparten, die standardisierte Risiken absichern, und Unternehmen mit weniger als hundert Millionen Euro Umsatz trifft dies aber nicht zu.

Idealer Einstieg in die Digitalisierung von Industrieversicherungen: Mittelstand

Dabei wäre es gerade bereits im kleineren Mittelstand und im Gewerbe mit zwei- bis dreistelligen Mitarbeiterzahlen und einem Umsatzvolumen im zweistelligen Millionenbereich besonders wichtig und sinnvoll, die Digitalisierung voranzutreiben. In diesem Bereich lohnt sich für die Versicherer der Aufwand individueller Risikoeinschätzungen kaum. Am zielführendsten beginnt die Digitalisierung der Industrieversicherungsbranche genau hier.

Auch unter den Sparten und Produkten gibt es einige, bei denen die Digitalisierung leichter gelingen könnte als bei anderen. Dazu zählt in erster Linie der Bereich Financial Lines, also beispielsweise D&O, E&O und Cyber. In einem nächsten Schritt können innovative und individuelle, auf bestimmte Zielgruppen spezialisierte Produkte digitalisiert werden.

Strukturierende Vorarbeit schwieriger als Umsetzung

Wie gelingt der Weg dorthin? Die technische Umsetzung mit einer Software oder zum Beispiel mit einer Plattform ist hierbei nur der letzte und vielleicht weniger komplizierte Schritt. Im Vorfeld müssen Prozesse und Produkte, die bisher hoch individuell waren, standardisiert und strukturiert werden, sodass sie in Raster, Kategorien, Schemata und digitale Tarife passen. Dafür müssen Grenzwerte definiert, Wordings zugeordnet, Regelwerke erstellt und teilweise auch Entscheidungen vereinfacht werden.

Wesentlicher Erfolgsfaktor: Kommunikation

Wichtig für den Erfolg des Vorhabens im Bereich der Industrieversicherung: Versicherer und Makler müssen miteinander sprechen und eventuelle Berührungsängste ablegen. Eine digitale Plattform, die auf so einem Wege entstehen könnte, müsste fair, transparent, unabhängig und für alle Beteiligten von Nutzen sein, also für Versicherer und ebenso für Makler und vor allem Kunden. Die ideale Plattform hängt nicht von einem zentralen Betreiber ab, der die Kontrolle über Prozesse und Daten hat, sondern bindet alle Player gleichberechtigt ein.

Die Bereitschaft für ein solches Vorgehen scheint sich im Vergleich zu vergangenen Jahren momentan zu erhöhen. Bis eine solche Plattform wirklich einsatzbereit ist, dürften noch einige Jahre vergehen und wahrscheinlich werden sich im Laufe der Zeit mehrere Plattformen etablieren, die unterschiedliche Marktsegmente bedienen. Der Kostendruck wird zur Beschleunigung beitragen.

Fazit

Der Bereich der Industrieversicherungen hinkt dem Privatkundenbereich in Sachen Digitalisierung hinterher. Das hat mit individuellen Risiken und schwierig zu standardisierenden Angeboten zu tun. Um diese Lücke zu schließen, müssen alle relevanten Player zusammenarbeiten. Damit die Investitionen in neue Plattformen sich rechnen, ist der Mittelstandsmarkt auf Grund seiner größeren Stückzahlen eine attraktive Sparte. Der Kostendruck in der Branche wird in den nächsten Jahren zu sichtbaren Ergebnissen führen, da Digitalisierung Effizienz- und damit Gewinnsteigerung bedeutet. Chancen für die Industrieversicherungen liegen in digitalen Plattformen.

Bildquelle: gmast3r / iStockphoto

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Philipp Thier
Philipp ist Underwriter und Business Analyst im Insurance-Team.